"Papa, was sind 'Nazis'"?
Uff.
"Also Nazis, das sind so Leute, die immer wollen, dass alles so gemacht wird, wie
sie das wollen, und die wollen auch, dass die Ausländer alle wieder zurück gehen, in ihr Land, wo sie her kommen."
Was Besseres fällt ihm auf die Schnelle nicht ein.
"Auch der Luggi?!"
Luggi heißt in Wirklichkeit Luigi, und ist der Wirt der Pizzeria, in der sie gelegentlich mit der ganzen Familie Pizza essen. Zum Nachtisch spendiert 'der Luggi' den Kindern immer Eis in den italienischen Landesfarben. Auch sonst macht er viel Brimborium um 'piccolo rrrrragazzi', die bei ihm zu Gast sind. Die Kinder lieben ihn zwangsläufig.
"Ja, auch der Luggi."
Man kann nicht früh genug damit anfangen, Nazi-Gedankengut zu verteufeln.
"Papa, sind wir auch Nazis?"
"Natürlich nicht! Wie kommst du denn
da drauf?"
"Weil die Mama von Ronja-Rabeah hat gesagt: Die Leute, die mit Fähnchen am Auto rumfahren, sind alle heimlich Nazis. Hat Ronja-Rabeah mir erzählt."
Ach, daher weht der Wind. Die Mutter von Ronja-Rabeah heißt Semira. Semira ist nicht ihr richtiger Name. "Eigentlich heiße ich Silke, aber das ist nur noch mein offizieller Name." verkündete sie damals gleich beim Housewarming. Der Vater von Ronja-Rabeah heißt Holzi. Das ist auch nicht sein richtiger Name, aber den kennt keiner. Vermutlich hatte er ihn selbst vergessen, denn er ist passionierter Freund rauchbarer Heilkräuter. Er tägt eine verfilzte Rastamatte, und ist vom Hals an abwärts tätowiert. Ansonsten ist er totgut und harmlos. Silke-Semira ist ein paar Jahre älter als Holzi. Sie hatte Sozialwissenschaften studiert, aber abgebrochen, als Ronja-Rabeah unterwegs war. Die beiden sind nicht verheiratet und leben hauptsächlich von Hartz 4. Holzi ist noch unter der Adresse seiner Eltern gemeldet, weil das irgendwie mehr Kohle bringt. "Besser, als wenn der Staat Panzer davon kauft!" hat er mal gesagt, als er auf dem Straßenfest ein paar Biere intus hatte. Silke-Semira verdient sich ein bisschen dazu, indem sie mittelalten Frauen das Schiksal auspendelte und die großen Arkana legt. Auch Holzi scheint irgendwelche Geschäfte zu machen, denn die drei lebten recht gut. Und diese Leute halten ihn für einen Nazi, bloß weil er zur Fußball-Europameisterschaft ein Deutschlandfähnchen an sein Auto montiert hatte. Nun, damit kann er komfortabel leben.
"Soso. Ronja-Rabeahs Mutter. Sag mal, essen die eigentlich auch schon mal bei Luigi?"
"Nee. Die essen doch nur maggrobotisch."
Er wußte natürlich, dass diese Leute essenstechnisch einen Hau haben. Wenn Ronja-Rabeah mal bei ihnen grillen darf, bringt sie immer ein in Alufolie eingeschlagenes Päckchen mit, was unausgepackt auf den Grill kommt, und nach ein paar Minuten zu einer undefinierbaren, unappetitlich riechenden Masse zusammenschmörgelt, aber erst nach einer halben Stunde vom Rost genommen werden darf. Was den Fleischessern am Tisch gelegentlich auf den Appetit schlägt. Ronja-Rabea verputzt die ganze Portion jedesmal mit einer bewundernswerten Disziplin, aber vielleicht kennt sie es auch einfach nicht anders.
"Siehste!"