Brainfreezed by bullshitting

Kennen Sie das? Irgendein Himbeerbrombeer versucht, einen zu bullshitten, und man steht da wie paralysiert - also mit leerem Blick, hängenden Schultern und dem ganzen Zeug. Später fallen einem dann die tollsten Antworten ein. Reaktionen, die den Kontrahenten in den Staub... Aber später ist zu spät. Das passiert mir so Schnitt so etwa 1,3-mal am Tag. Brainfreeze. Ein deutsches Wort dafür fällt mir im Augenblick nicht ein. Für "bullshitten" auch nicht. Zum Beispiel am Bahnhof war so'n FAZ-Stand, wo ein paar junge Menschen in FAZ-T-Shirts einem ein Abo aufschwatzen wollen. Sagt einer zu mir: "Schöner junger Mann, wollnse mal die FAZ für ein Jahr kostenlos probelesen?" (Ein Jahr erscheint mir im Nachinein jetzt doch recht lange. Möglicherweise habe ich mich da verhört.) Ich nur: grins, kopfschüttel und schnell weiter. Hinterher fiel mir die Super-Entgegnung dazu ein: "Passense mal auf, ich bin jetzt Mitte vierzig, da fang' ich doch nicht mehr das Zeitunglesen an!"

Wäre obendrein auch noch wahr gewesen.

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Unwohlgerüche können sich positiv auf die Kreativität auswirken. Schiller hatte bekanntlich immer faule Äpfel in seinem Arbeitszimmer, weil ihn der Geruch inspirierte. Ob sein Kumpel Goethe auf verdorbenes Obst stand, ist hingegen nicht bekannt. Tabakrauch soll er verabscheut haben.

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Und dann ist da morgens immer dieser Junge im Bus, der sich neuerdings die Haare schwarz gefärbt hat, und nur noch dunkle Kleidung trägt. Also jetzt weniger Trauerkleidung, sondern diese Hosen mit unnötigen Schnallen und Kettchen, schwarze T-Shirts mit Bandnamen und Gruselmotiven drauf. Dazu die üblichen Schuppenschüttler-Accesoirs: Nietenarmbänder und so. Streichholzarme, kein Arsch in der Hose, aber aufgezäumt wie ein Hells Angel auf dem Weg zum Ehemaligenstammtisch. Bis vor kurzem war das so ein blasses, unscheinbares Würmchen, dem seine Mutti morgens die Anziehsachen rausgesucht hat. Dann hat er wohl seine Liebe zur eindimensionalen Musik entdeckt und lebt sie nun voll aus. Das finde ich rührend. Es sollte viel mehr blasse, unscheinbare Würmchen geben, die ihre Obsessionen schon in jungen Jahren voll ausleben. Ich habe mich das nie getraut. Ich habe immer aufgepasst, dass ich nach außen nicht auffalle, auch in den Zeiten, in denen ich innerlich nur aus Scheiße bestand. Vermutlich liegt das an meiner viktorianischen Erziehung.

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Wie bei meinem Bekannten aus dem Sportverein, Mitte dreißig, erfolgreicher Investmentbanker, der immer noch nicht darüber hinweg kommt, dass seine Freundin ihn vor vier Jahren verlassen hat. Er wollte sie heiraten, Kinder mit ihr bekommen, ein Haus bauen, all die Dinge, die ein verliebter junger Mann so tun will. Sie hat sich von ihm getrennt. Begründung: Sie würde sich eingeengt fühlen und brauche ihre Freiheit und so, und sie sollten es mal eine Weile getrennt versuchen. In Wirklichkeit hatte die Frau schon einen neuen Lover am Start, ähnlicher Typ, auch beruflich erfolgreich, gleiche Frisur und alles. Der hat sie ziemlich bald geheiratet, ein Kind eingepflanzt und ein Haus gebaut. Das hat meinen Kollegen umgehauen, und zwar so sehr, dass er seit vier Jahren nicht mehr in die Spur kommt. Nach außen hin funktioniert er natürlich. Er funktioniert so gut, dass er vierzehn Stunden am Tag arbeitet, und auch die Jobs in Central Europe (früher sagten wir "Ostblock") freiwillig übernimmt.

Innerlich hat er sich zum Frauennichtnichtmehrallzugernmöger entwickelt, der gelegentlich über "die typisch weiblichen Charaktereigenschaften Neid, Egoismus und Eitelkeit" referiert, und sich über den "unter Frauen weit verbreiteten Mangel an Hygiene" auslässt, wobei wir bei Charlotte Roche wären. Diese spricht ihren Namen übrigens selbst auf eine ganz besondere Art aus: Charlotte auf Deutsch, also Scharlotte, und Roche auf Englisch also Roche wie in Cockroach. Das weiß ich, weil sie die Hörbuchausgabe ihres Buches selbst liest, und dort am Anfang ihren Namen nennt. Möglicherweise ist ihre Mutter Deutsche, und ihr Vater Engländer. Ich weiß es nicht, und Wiki gibt darüber keine Auskunft. Mich interessiert es auch eigentlich nicht, ich höre sie nur gerne vorlesen. Aber das nur am Rande.

Wenn Sie sich eine Zeit lang unter vier Augen mit obigem Bekannten unterhalten, erzählt er Ihnen die ganze, traurige Geschichte aus erster Hand. Sie murmeln "Vielleicht hat einfach die Chemie nicht gestimmt..." und er blickt kurz auf, stiert dann aber schnell wieder in sein Bierglas, denn - er weiß es, Sie wissen es, alle wissen es: Mit Chemie hat das nicht das Geringste zu tun. Er hat sie einfach nicht gut genug gevögelt.

...

Manchmal denke ich, dass wir in Wirklichkeit alle nur Aushilfskräfte sind. Aushilfskräfte einer höheren Macht, die beim Schiksal bestimmen helfen. Und dass unser ganzes Tun in Wirklichkeit einem Plan folgt. Ein Plan, den wir zwar in groben Zügen kennen, den wir aber weder verstehen, noch umsetzen können. Den wir augenrollend - was sich "die da oben" wieder ausgedacht haben ... - kommentieren, aber schulterzuckend umsetzen. Was sollen wir auch anderes tun? Hat das Leben einen Sinn? Ist der Weg das Ziel? Sind Hühner auch Vögel?
timanfaya - 1. Sep. 2008, 12:51

... der text bekommt jetzt mal eine uneingeschränkte +1***.

ich mag einfache wahrheiten mit komplizierten hintergründen. und das runterbrechen des gesamten elends dieser welt auf schlechtes vögeln. im prinzip hängt da nämlich alles dran.
Zeitlos - 1. Sep. 2008, 22:10

"Er hat Sie einfach nicht gut genug gevögelt" ?
Ich finde ja generell das diese eine Sache vollkommen überschätzt wird. Ernsthaft.
pikas - 2. Sep. 2008, 9:10

@zeitlos und tim: Ansichtssache, wie man sieht. Ich für meinen Teil habe mit der Zeit gelernt: "Don't fool with mother nature!"

Was nicht heißt, dass man nicht auch ohne Gevögel eine gute Beziehung führen kann.
Frau Echse (Gast) - 4. Sep. 2008, 9:59

eine schöne gedankenanhäufelung :-)
ich persönlich glaube ja, wenn die chemie stimmt dann klappts meist auch ganz vorzüglich mit dem gevögel. zu dem buch von charlotte kann ich nur sagen, ich bin zwar sicherlich nicht zimperlich und mit allen wassern gewaschen, aber das ist schon provokant starker tobak und irgendwie schon einbisschen eklig. das muss ich mir micht vorlesen lassen. allerdings finde ich frauenstimmen auch generell nicht erotisch :-)
pikas - 4. Sep. 2008, 20:57

Also bei mir hat eine Frau schon viel gewonnen, wenn sie gut riecht. Ich fand das Buch auch ein bisschen übertrieben provokant, noch zumal die Ich-Erzählerin erst 18 Jahre alt sein sollte. Hat der an sich possierlichen kleinen Geschichte meiner Meinung nach nicht gut getan.

Und die Stimme der Roche finde ich auch nicht erotisch. Ist mehr so 'ne Wohlfühlstimme.
ker0zene - 4. Sep. 2008, 15:32

Das sind mal ganz große Texte. Ich gebs ja zu, ich hätte da fünf Einträge draus gemacht. Sie nicht, das macht Sie noch viel cooler. Denken Sie an meine Worte, wenn der Brainfreeze bei der nächsten unpassenden Gelegenheit daher kommt.
pikas - 4. Sep. 2008, 20:48

Ich hatte das Gefühl, dass das alles irgendwie zusammengehört...
Niwi - 10. Sep. 2008, 10:31

witzig, auf so einen Gedanken kann auch nur ein Mann kommen
"Mit Chemie hat das nicht das Geringste zu tun. Er hat sie einfach nicht gut genug gevögelt."

Und noch witziger ist, daß es auf diesen Beitrag mit so vielen verschiedenen interessanten Gedanken fast alle Kommentare (einschließlich meinem) sich auf diese eine kleine Sequenz beziehen.

Ich kenne zwar obige Beziehungsgeschichte und deren Ende nicht, aber allgemein finde ich, daß Beziehungen schon in erster Linie eine "Chemiesache" sind.
pikas - 10. Sep. 2008, 10:47

... hauptsächlich Neurochemie.

Aber die Physik sollte man auch nicht außer acht lassen.

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