bahnfahren

Erstmal bequem machen

typ_in_zug

"Erst mal bequem machen. Ich bin ja hier quasi alleine - mal abgesehen von den gefühlten hundert von mir angewiderten Berufspendlern."

Was geht nur in den Köpfen von Leuten vor, die morgens im Regionalexpress erstmal schön einen Viererplatz blockieren, die Schuhe ausziehen, Beine hochlegen und Fetzen von Industriebrötchen aus Rascheltüten zutzeln? Zu welchem Zeitpunkt ist deren Sozialisation ins Stocken geraten? Was ist da in der Kindheit schief gelaufen?

Hier noch mal zur Erinnerung die Verhaltensregeln in Nahverkehrszügen.

Frikadellen statt Rumpsteak

Stellen sie sich vor, Sie gehen in eine Fleischerei und verlangen ein paar schöne Rumpsteaks. "Kein Problem!" sagt die Metzgersfrau, und "19 Euro dreißich, bitte."

"Holla", denken Sie konsterniert - "Vorkasse für Fleischwaren ?" Sie freuen sich aber über die schöne Alliteration, und dass Ihnen das Fremdwort für 'Stabreim' sofort eingefallen ist. Dann legen Sie einen Zwanni auf die Theke, kassieren das Wechselgeld, und schauen zu, wie die gute Frau eine Handvoll Gehacktes abwiegt. Moment mal, GEHACKTES???

"Frollein, ich wollte RUMPSTEAK!"
"Rumpsteak ist alle. Und von Frikadellen wird man doch auch schön satt."
"Aber das geht doch nicht. Ich hab doch schließlich für Rumpsteaks bezahlt. Die sind doch viel teurer. Und Sie haben doch vorher gewusst, dass Sie keine haben! Das könn' Sie doch nicht machen!
"Na, dann schauen Sie mal in unsere Geschäftsbedingungen."

Absurd, meinen Sie? Tja. Genau das ist mir heute morgen passiert. Allerdings nicht in einer Fleischerei, denn die westfälischen Fleischereien sind besser als ihr Ruf.

Die Angelegenheit trug sich auf einem Bahnhof zu. Guten Mutes hatte ich mir am Fahrkartenautomat eine Fahrkarte für den Regionalexpress Richtung Düsseldorf gekauft. Als ich Sekunden später die Treppe zum Bahnsteig erklomm, musste ich lesen, dass eben dieser Zug gestrichen worden war.

Als Ersatz wurde mir die Benutzung der später abfahrenden Regionalbahn empfohlen. Anstatt bequem im Regionalexpress dahinzugleiten, fand ich mich in einem überfüllten Großraumwagen mit für Fernreisen ungeeigneten Sitzen wieder, musste einmal umsteigen, und habe eine gute Stunde Zeit verloren, weil dieser "Zug" an so ziemlich jedem unbedeutenden Kaff der an unbedeutenden Käffern nicht eben armen Region anhalten musste.

Und das Beste: Weil ich naiver Depp die Rückfahrkarte gleich mit gekauft habe, wird das ganze heute Abend wieder passieren.

Durchsage

Heute morgen im Regionalexpress:

"... wir bitten, die Verzögerung zu entschuldigen und wünschen Ihnen trotz allem einen schönen Tag."

Vorgetragen von einer angenehm warmen, leicht rauchigen Altsopranstimme. 12 Minuten Verspätung. "Trotz allem...". Wegen solcher Momente liebe ich das Zugfahren.

Da verzeihe ich sogar die skandalöse Tatsache, dass der Rhein-Hellweg-Express, der zwischen Düsseldorf und Paderborn pendelt, deutlich spartanischer ausgestattet ist, als der Rhein-Haard-Express, der zwischen Düsseldorf und Münster pendelt. Dieser hat nicht nur Klapptischchen an den Sitzlehnen, sondern auch noch ein Bordbistro, in dem sich der durstige Fahrgast mit überteuerten Getränken versorgen kann. Und das, obwohl die Strecke des Rhein-Hellweg-Express satte 42 Kilometer länger ist.

Lokführerstreik



Neuer Volkssport: An Streiktagen zum Bahnhof latschen und den Legionen von Kamerateams Meckereien über die doofen Lokführer ins Mikrofon quatschen.

Leute, Streiks sind wie Naturkatastrophen. Die nimmt man hin! Und die werden vorher angekündigt! Wer nicht bereit ist, sich für Vierzehnhundert netto ohne bezahlte Überstunden 10 bis 12 Sunden am Tag ins Führerhaus einer Lokomotive zu stellen, soll mal bitteschön den Schnabel halten!

Wie ich mich morgens in Nahverkehrszügen verhalte



Aus gegebenem Anlass habe ich mir zu o.g. Thema Gedanken gemacht, und folgenden Verhaltenskodex erarbeitet, den ich hier zur Diskussion stellen möchte.
  1. Ich setze mich auf einen freien Platz und packe zügig alle Sachen aus, mit denen ich mich während der Fahrt beschäftigen möchte.
  2. Ich lese ein Buch oder eine Zeitschrift.
  3. Ich lese KEINE raschelnden Tageszeitungen.
  4. Ich lese KEINE Lektüre, die großformatige Bilder von Lebedamen mit dicken Hupen enthält.
  5. Falls ich eine Zeitschrift lese, bemühe ich mich, die Seiten möglichst leise umzublättern.
  6. Oder ich höre in moderater Lautstärke Musik über Kopfhörer.
  7. Auf gar keinen Fall spreche ich dösende Einzelreisende an. (Ausnahme: Lebensbedrohliche Situationen. Lebensbedrohlich für den dösenden Einzelreisenden.)
  8. Ich empfange keine SMSen, die sich durch alberne Klingeltöne ankündigen.
  9. Ich führe keine Telefonate.
  10. Ich tippe nicht sinnentleert auf meinem Handy rum, wenn ich die Tastentöne nicht abgeschaltet habe.
  11. Am besten schalte ich mein Handy aus und schiebe es mir in den Arsch.
  12. Falls ich abends vorher knoblauchhaltige Speisen gegessen habe, oder einen beschissenen außergewöhnlichen Parfumgeschmack habe, oder innerhalb von zwei Stunden vor Antritt der Fahrt geraucht habe, halte ich mich während der Fahrt in dem Bereich zwischen zwei Waggons auf.
  13. Ebenso, wenn ich erkältet bin, oder aus anderen Gründen alle drei Minuten die Nase putzen muss.
  14. Ich habe immer ein paar Rachenpastillen dabei, um unnötiges Räuspern oder Husten zu vermeiden.
  15. Wenn ich in Gruppen reise, suche ich einen Platz, der möglichst weit entfernt von dösenden Einzelreisenden ist.
  16. Ich bespreche mit den Mitreisenden meiner Gruppe nur das Nötigste.
  17. Wenn sich Kinder in meiner Begleitung befinden, fordere ich sie auf, weder zu fentern, noch zu ramentern.
  18. Notfalls setze ich sie an der nächsten Station aus.
  19. Wenn ich mit meinem Lebenspartner unterwegs bin, leiste ich während der Fahrt keinerlei Beziehungsarbeit.
  20. Wenn ich an der nächsten Station aussteigen muss, fange ich nicht schon ein viertel Stunde vorher mit Rumrödeln an. Ich stehe frühestens auf, wenn mein Zielbahnhof über Lautsprecher angekündigt wird.

Rudi-Dutschke-Bahnhof

Könnte man nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, indem man den neuen Berliner Hauptbahnhof in "Rudi-Dutschke-Bahnhof" umbenennt?

Nach dem Aufstehen ...

... erstmal aus dem Fenster geschaut. Windstill. Die Bahn fährt ja neuerdings nicht mehr, wenn es windig ist - da muss man vorsichtig sein. Aber an dem ostwestfälischen Provinzbahnhof war heute wieder alles wie immer. Der Zug war sogar pünktlich im Rahmen der Toleranzen. Denn - so habe ich neulich im Radio gehört - weniger als zehn Minuten Verspätung gelten bei der Bahn noch als pünktlich. Das finde ich toll. Wenn man der Bahn etwas zugute halten kann, dann, dass sie eine Kultur der Unpünktlichkeit in der Gesellschaft etabliert hat. Dafür bin ich dankbar, weil das mein Ansehen als Deutscher in der Welt verbessert. Wir Deutschen waren ja bisher in der Welt eher unbeliebt - nicht nur weil wir gelegentlich in Nachbarländer einmarschieren und früher ständig die Fußballweltmeisterschaft gewonnen haben, sondern weil wir immer so verdammt pünktlich und ordentlich waren. Okay, das mit dem Einmarschieren haben wir in den letzten Jahren gelassen (toi toi toi!), und das mit dem Nichtgewinnen der WM haben wir im letzten Jahr auch knapp geschafft. Aber nach allem, was man hört, wäre es der Welt lieber, wenn wir ein bisschen schmuddeliger und unpünktlicher würden. Wer öfter in Regionalbahnen fährt, weiß, dass die Bahn in diesen Punkten Pionierarbeit leistet. Wir begrüßen die Gäste unserer Hauptstadt in einem der beeindruckendsten Bahnhöfen unserer Zeit. Nicht umsonst wurden die geplanten 250 Mio Euro Baukosten um ein vierfaches überschritten. Und wenn wir nochmal eine viertel Milliarde reinbuttern, werden vielleicht sogar die Träger festgeschraubt.

Memo



Gestern Abend am Bahnsteig meinem Ich von 1995 begegnet.

Kurzer Blickkontakt, dann wieder jeder in sich abgetaucht. Zwei Alltagsnomaden am Gleis 4. Weniger als eine flüchtige Begegnung.

Weitersuchen nach dem Schönen in der Hässlichkeit, dem Runden zwischen den Kanten, der Melodie in der Stille, dem Sinn in der Leere.

Zwischendurch: Ankommen.

Mittwochnachmittag im Intercity

16:20 Uhr; Durchsage über Lautsprecher:

"Meine Damundherrn als nationaler Unterstützer der FIFA-WM werden wir Sie mit freundlicher Unterstützung von T-mobile über den Halbzeitstand und das Endergebnis der Partie Spanien gegen die Ukraine informieren."

Danach: Nix! Ich war noch über eine Stunde in dem Zug, aber ein Fußballergebnis wurde mir nicht mitgeteilt. Stattdessen wurde ich über Anschlusszüge informiert, die aufgrund der achtminütigen Verspätung an diversen Stationen wohl schon auf und davon sein würden.

Was soll das? Muss ich im Bistrowagen erst ein Bier trinken, um den Spielstand zu erfahren? Muss ich den Schaffner "Zugbegleiter" fragen und ruft der dann mit freundlicher Unterstützung von T-mobile mit seinem Handy bei einem an, der das Spiel im Fernsehn sieht?

Stressfaktoren in Intercityzügen (7)

Ich danke dem Schöpfer für meine Geduld.

Geduld mit Mitmenschen, die beispielsweise keine fünf Meter Luftlinie von mir entfernt im Großraumwagen des IC 2155 sitzen, und genüßlich eins dieser mit Käse überbackenen Industriebrötchen von Kamps fressen. Nicht so, wie es normale Leute tun - also das Brötchen aus der Rascheltüte holen, in die Hand nehmen und davon abbeißen, sondern so, wie es schlecht sozialisierte Nervensägen machen: in zwanzigsekündlichen Abständen in die Rascheltüte reingreifen, unter größtmöglichen Geknister ein taubeneigroßes Stück aus dem Brötchen herauszutzeln und ins Maul stopfen. Und Mädchenlimonade dazu saufen. Und dann nach jedem Schlucken mit aufgeblasenen Backen Bäuerchen-Luft ablassen. Und dabei Mädchen-Ipod hören.

Ja, du bist gemeint, Studentenbürschlein. Hast bestimmt auch so 'n metrosexuellen Klugscheißer-Blog und bist bestimmt auch in einer nichtschlagenden Verbindung, du mit deiner Gustav-Gans-Friese. In meiner Verwandschaft gibt es einige, die würden bei sowas mal einmal kräftig durchhulken und dann wäre Friede geblasen - ehrlich jetzt!

Du

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Kommentare

Also bei mir hat eine...
Also bei mir hat eine Frau schon viel gewonnen, wenn...
pikas - 4. Sep, 20:57
Ich hatte das Gefühl,...
Ich hatte das Gefühl, dass das alles irgendwie...
pikas - 4. Sep, 20:48
Das sind mal ganz große...
Das sind mal ganz große Texte. Ich gebs ja zu,...
ker0zene - 4. Sep, 15:32
Das hängt von der...
Das hängt von der Polarisation ab. Der entsprechende...
ker0zene - 4. Sep, 15:23
eine schöne gedankenanhäufelung...
eine schöne gedankenanhäufelung :-) ich persönlich...
Frau Echse (anonym) - 4. Sep, 09:59
@zeitlos und tim: Ansichtssache,...
@zeitlos und tim: Ansichtssache, wie man sieht. Ich...
pikas - 2. Sep, 09:10
"Er hat Sie einfach nicht...
"Er hat Sie einfach nicht gut genug gevögelt"...
Zeitlos - 1. Sep, 22:10

Musik



Sandy Dillon
Electric Chair


Material/Laswell
One Down


Portishead
Third


Miles & Laswell, Bill Davis
Panthalassa

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